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Kann ich ohne Sex schwanger werden?

Ohne „richtigen“ Sex kann man auch nicht geschwängert werden? Ganz so einfach ist die Geschichte nicht. Ärzte haben vor einigen Jahren im British Medical Journal eine Studie veröffentlicht, in der jede zweihundertste Frau angab, ohne Beischlaf schwanger geworden zu sein. Vor allem Jugendliche stellen sich häufig die Frage, ob sie ein Kind erwarten könnten, obwohl sie keinen Geschlechtsverkehr hatten.

Wie kommt es – normalerweise – zu einer Schwangerschaft?

Eine Schwangerschaft ist in den meisten Fällen das Ergebnis ungeschützten vaginalen Geschlechtsverkehrs. Das heißt, der Penis wird in die Scheide (Vagina) eingeführt und es kommt zum Samenerguss (Ejakulation). Der männliche Samen (Sperma) enthält die kaulquappenähnlichen Spermien mit Kopf und beweglichem Schwanzstück. Mit dessen Hilfe können sich die Spermien in der feuchten Umgebung der Scheide bewegen und durch den Muttermund (Zervix) in die Gebärmutter (Uterus) gelangen. Bei einer geschlechtsreifen Frau entlassen bei jedem Zyklus die Eierstöcke (Ovarien) einzelne oder mehrere reife Eier auf einmal, welche durch die Eileiter (Ovidukte) ebenfalls Richtung Gebärmutter wandern. Trifft ein Ei auf diesem Weg auf ein Spermium, kann eine Befruchtung stattfinden. Das ist meistens bereits im Eileiter der Fall und wird als Empfängnis (Konzeption) bezeichnet. Das befruchtete Ei setzt sich in der Gebärmutterschleimhaut fest, beginnt sich zu teilen, zu wachsen und einen Embryo zu bilden – ein Kind entsteht.

Bild Ei und Spermium

Schwangerschaft = Ei + Spermium

Voraussetzung für eine Schwangerschaft ist die Vereinigung eines intakten Spermiums mit einem intakten Ei. Künstliche Befruchtung und in vitro-Fertilisation zeigen, dass das grundsätzlich auch ohne das Eindringen des Penis in die Scheide (Penetration) möglich ist. Aber auch einige ganz natürliche Wege sind denkbar.

Eine riesige Armee von Spermien

Man muss sich vor Augen halten, welche Mengen befruchtungsfähiger Spermien der männliche Samen in sich birgt. Der Mann ejakuliert drei bis sechs Milliliter, die bis zu 600 Millionen davon enthalten. Ein Einziges davon reicht für eine Befruchtung vollkommen aus. Das heißt, dass selbst der winzigste Tropfen Sperma im weiblichen Geschlechtstrakt zu einer Schwangerschaft führen kann – vollkommen egal, wie er dort hingelangt ist.

Vorsicht: Auch „Lusttropfen“ enthalten Spermien

Heute weiß man, dass bereits die „Lusttropfen“ lebensfähige Spermien enthalten können. Das sogenannte Präejakulat kommt schon lange vor dem Höhepunkt aus dem Penis, wobei der Mann darüber keinerlei Kontrolle hat. Allein schon aus diesem Grund ist das „Aufpassen“, das Herausziehen des Penis vor dem Samenerguss (Coitus interruptus), eine ausgesprochen ineffektive Verhütungsmethode.

Spermien sind Spürhunde und Meisterschwimmer

Wenn sie ihren Erzeuger verlassen haben, folgen Spermien nur einer Aufgabe: Eine Eizelle finden und befruchten. Sie können diese selbst über große Distanzen wahrnehmen und ihnen ganz gezielt entgegen schwimmen. Je mehr Feuchtigkeit sie auf diesem Weg vorfinden, desto leichter ist das für sie. Und für ihre Größe sind sie ganz schön schnell: Bis zu zwanzig Zentimetern können sie in einer Stunde vorankommen.

… und Überlebenskünstler

Selbst auf dem Trockenen können Spermien kurze Zeit überstehen. Trotzdem ist ihre Lebenszeit beispielsweise auf einem Toilettensitz oder in einem Handtuch begrenzt. Auf der Haut und vor allem auf feuchten Schleimhäuten können sie dagegen eine ganze Weile durchstehen. Im der warmen und feuchten Umgebung des weiblichen Körpers bleiben sie sogar bis zu sieben Tage lang lebens- und damit befruchtungsfähig.

Bild Ultraschall

Je näher an der Scheide, desto größer das Risiko

Egal ob gegenseitige Masturbation, Coitus interruptus, Petting, Anal- oder Oralverkehr: Landen auch nur geringste Spuren von Ejakulat oder Präejakulat nahe genug an der Scheide, könnten es Spermien bis ins Innere des weiblichen Körpers schaffen. Möglicherweise aus eigenem Antrieb, aber wesentlich öfter durch versehentliche Berührung. Besonders schnell passiert das, wenn etwas von dem Ejakulat an den Fingern der Frau oder ihres Partners klebt. Gleiches gilt für Spermaspuren an Sexspielzeugen wie Dildos oder Vibratoren.

Besondere Risikofaktoren

Die meisten ungewollten Schwangerschaften ohne vorangegangenen „richtigen“ Sex stellen sich ein, wenn

  • er „nur“ ein paar Sekunden lang seinen Penis „ein bisschen“ in sie hineinsteckt,
  • Sperma oder Präejakulat über die Finger in ihre Scheide oder auch nur in deren Umgebung gelangt,
  • sein erigierter Penis (mit Präejakulat oder Ejakulat daran) ihren Körper in der Nähe der Scheide berührt oder
  • der Mann nahe der Scheide ejakuliert.

Braucht die Frau einen Höhepunkt?

Es kursiert der Mythos, dass die Frau zum Orgasmus kommen muss, damit eine Schwangerschaft überhaupt möglich ist. Das ist definitiv falsch. Wie bereits ausgeführt ist dafür noch nicht einmal beim Mann das Erreichen des Höhepunktes notwendig.

Bild Schwangerschaftstest

Kann eine Frau ganz ohne Mann schwanger werden?

Viele Szenarien sind denkbar, aber das funktioniert mit absoluter Sicherheit nicht. Auf jeden Fall wird ein Spermium gebraucht, und das kann nur von einem Mann geliefert werden. Eine Jungfernzeugung (Parthenogenese) wie bei einigen Tierarten ist beim Menschen nicht möglich.

Wie ist das beim Sex im Wasser?

Auch Sex ohne Penetration in einem Schwimmbecken oder in der Badewanne kann zu einer Schwangerschaft führen. Das Wasser außerhalb des Körpers spielt dabei keine Rolle. Wenn der Mann ins Wasser ejakuliert, könnten Spermien ihren Zielort erreichen. Besonders wahrscheinlich ist das allerdings nicht.

Schwanger durch Analverkehr?

Beim Analverkehr gelangen die Spermien in eine Umgebung, in der sie problemlos einige Tage überleben können. Allerdings gibt es von dort aus keinen direkten Zugang zu den Eileitern oder in die Gebärmutter. Aber da der Anus nicht allzu weit von der Scheide entfernt ist, wäre es durchaus denkbar, dass einige überlebende Spermien den Weg hierher finden.

Theoretisch möglich, aber ausgesprochen unwahrscheinlich

Wie man sieht gibt es zahlreiche Szenarien, in denen es auch ohne Penetration und vaginalen Verkehr zu einer Schwangerschaft kommen könnte. Selbst beim „Klamottensex“, das heißt stimulierenden Bewegungen in voller Kleidung oder Unterwäsche bis zum Höhepunkt, könnten Spermien durch die Kleidung gelangen. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist außerordentlich gering. Trotzdem sollte man sich immer vor Augen halten: Auch ein Lottogewinn oder vom Blitz getroffen zu werden ist äußerst unwahrscheinlich – trotzdem kommt es regelmäßig vor.

Wenn man sich mal nicht sicher ist

Möchte man herauszufinden, ob man schwanger ist oder nicht, ist das heutzutage schnell und problemlos möglich. Schwangerschaftstests sind in jeder Apotheke frei und anonym erhältlich, kosten nicht die Welt und liefern in wenigen Minuten ein eindeutiges Testergebnis. Das ist allemal besser als sich tagelang verrückt zu machen.

Bild Kondome

Sicher ist sicher – in doppelter Hinsicht

Als Fazit bleibt festzuhalten: Zur hundertprozentigen Vermeidung einer Schwangerschaft reicht der Verzicht auf eine Penetration nicht notwendigerweise aus. Will man absolut sichergehen, sollte man zusätzlich eine zuverlässige Verhütungsmethode anwenden. Hierzu empfehlen sich Kondome, zumal diese auch vor einer ganzen Reihe sexuell übertragbarer Krankheiten schützen.

Bildernachweis:
Titelbild – Schwangerschaftsbauch Urheber: CC0 Public Domain-Pixabay.com
Ei und Spermium Urheber: CC0 Public Domain-Pixabay.com
Bild Ultraschall Urheber: CC0 Public Domain-Pixabay.com
Schwangerschaftstest Urheber: CC0 Public Domain-Pixabay.com
Kondome Urheber: CC0 Public Domain-Pixabay.com

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